
Ich male, was zurücksieht. Tiere, Menschen, Gegenstände – alles, was uns im Alltag begegnet und doch unsichtbar bleibt, weil wir es benutzt, verzweckt oder weggesehen haben. Meine Bilder holen es nach vorn. Frontal, großformatig, auf Augenhöhe.
Mein Thema ist nicht das Motiv, sondern der Blick. Ein Huhn, ein Bagger, ein menschliches Gesicht. Sobald es zentriert, vergrößert und direkt angesehen wird, kippt seine Funktion. Es hört auf, Objekt zu sein. Es wird Gegenüber. Diese Verschiebung interessiert mich: der Moment, in dem unsere Hierarchien – Mensch über Tier, Subjekt über Ding, Sehender über Gesehenem – ins Wanken geraten.
Ich male meist in gesättigten Farben, mit offenem Pinselduktus, in voller Sicht auf den Prozess. Farbe läuft, tropft, hinterlässt Spuren. Diese Drippings sind kein Stilzitat, sondern Beleg: Sie zeigen, dass hier jemand gestanden, gemalt, gezweifelt hat. Sie verweigern die glatte Oberfläche, die Bilder zur Konsumware macht. Wer meine Arbeiten ansieht, sieht zuerst das Sujet, dann den Pinsel, dann sich selbst beim Schauen. Diesen Dreischritt halte ich für das Eigentliche der Malerei.
Ich komme aus dem Industriedesign. Dort habe ich gelernt, Form zu optimieren, bis sie trägt. In der Malerei kehre ich diese Lehre um: Ich lasse zu, was nicht plant – den Tropfen, den Rest, das Ungelöste. Es ist die produktive Spannung meiner Arbeit: konstruierter Bildaufbau gegen unkontrollierte Materie. Disziplin gegen Affekt.
Ich verstehe diese Malerei als Gegenbewegung zu einer Kunst, die auf schnelle Wirkung und glatte Wiedererkennbarkeit setzt. Mein Effekt ist langsam, körperlich, unbequem präzise. Ich will Bilder, die nicht funktionieren, sondern im Weg stehen. Bilder, die nicht gefallen wollen, sondern ehrlich sind.
Ob Tier, Mensch oder Ding, ich male keine Porträts. Ich male Begegnungen.
– Sven Weihreter, München, 2026